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Frauenbilder, Männerbilder, Feindbilder. Das Thema Geschlecht wird in der Gesellschaft oft polarisierend diskutiert. Pädagogische Fachkräfte stehen dabei vor einer besonderen Herausforderung, weil vor allem junge Menschen im Spannungsfeld zwischen Ideal und Ideologie stehen. Die Präventions- und Beratungsstelle PROvention bot mit ihrem diesjährigen Fachtag deshalb eine Möglichkeit für Austausch und vertiefende Diskussion hierzu. Nach den eröffnenden Worten des Landesvorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Schleswig-Holstein e.V., Dr. Cebel Küçükkaraca, der die Relevanz des Themas für die Präventionsarbeit betonte und sich bei allen Förder*innen und Partner*innen für ihre langjährige Unterstützung bedankte, gaben zwei Fachvorträge einen thematischen Einstieg.
Der erste Vortrag, gehalten von Prof. Dr. Eva Herrschinger (Universität der Bundeswehr München), sprach über die Bedeutung von Gender für gewaltorientierte islamistische Radikalisierungsprozesse. Entlang von drei Argumenten entfaltete sie in ihrem Vortrag, dass Terrorismus zwar ein männliches Gesicht hat, Frauen im Bereich Extremismus trotzdem aber keine Seltenheit sind. Diese falsche Annahme verbindet sie mit einer reduktionistischen Sicht auf Frauen, die stets nur als Opfer und nie als Täter gedacht werden. Herrschinger plädierte deshalb für eine gendersensible Analyse von Radikalisierungsprozessen, welche das Zusammenwirken von Männlichkeits- und Weiblichkeitsvorstellungen offenlegt.
Mit Dr. Saskia Eisenhardt (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) handelte der zweite Vortrag von christlichem Fundamentalismus, Gender und Familie im digitalen Raum. Sie führte das Publikum von den geschichtlichen Anfängen fundamentalistischer Strömungen im frühen 20. Jahrhundert zum zeitgenössischen Phänomen des Christfluencing in sozialen Medien. Eine häufig dort anzutreffende Haltung ist die des Komplementarismus, wonach Männer und Frauen vor Gott zwar gleichwertig seien, im Zusammenleben aber unterschiedliche, einander ergänzende Aufgaben hätten. Trotz ihrer breiteren Ablehnung gesellschaftlicher Entwicklungen in der Moderne, zeugen die Inhalte von Christfluencer*innen aber von einer großen Bereitschaft, ihre kommunikativen Trends mitzugehen, wie Eisenhardt anhand einschlägiger Videobeispiele dem Publikum deutlich machte.
Die Impulse aus der Wissenschaft begleiteten die Teilnehmenden schließlich in den praxisorientierten Teil der Fachtagung. Zunächst bot der Verein Grüner Vogel e.V. mit seiner Fotoausstellung Unschärfen Einblicke in die Beratungsarbeit mit IS-Rückkehrerinnen. Später konnten die Teilnehmenden in sechs Workshops gemeinsam Formen des Umgangs mit geschlechtsbezogenen Herausforderungen finden. Thematisch ging es dabei um toxische Männlichkeit, rechtsextreme und islamistische Rollenbilder, sowie allgemein um das Spannungsfeld gesellschaftlicher Erwartungen und ideologischer Einflussnahme.
Zum Abschluss der Fachtagung boten sich die Journalistin Melina Borčak und der Journalist Christian Unger einen humorvollen, aber auch leidenschaftlich geführten Austausch über Integration, antimuslimischen Rassismus und Islamismus. Borčak, die selber Fluchterfahrung besitzt, erklärte: „Für betroffene Menschen ist das Wort ‚Integration‘ ein wunder Punkt und Erinnerung an Traumata“. Das Publikum zeigte sich sehr interessiert an ihren Thesen zu gesellschaftlichen Feindbildern, wie die lebendige Diskussion im Anschluss an das Interview zeigte.
Die Fachtagung machte die Aktualität des Themas Geschlechterrollen in Radikalisierungsprozessen einmal mehr spürbar. Im Laufe der kommenden Wochen werden die Inhalte der jeweiligen Referent*innen nachbereitet und in separaten Beiträgen auf der Website von PROvention zur Verfügung gestellt.









